Stiefvater: Ernährer und Problemlöser

Jan und Um lernten sich 2017 in Thailand kennen. Als Um wegen der Corona-Krise 2020 nicht mehr in ihre Heimat fliegen konnte, beschlossen die beiden zu heiraten und Ums Kinder in die Schweiz zu holen.

Jan erinnert sich an die erste Begegnung mit den Buben: «Ich wusste von Anfang an, dass Um Kinder hat; sie lebten jedoch bei ihrer Tante im Norden Thailands. 2019 reisten wir zu ihnen in das abgelegene Dorf, durch das nur eine staubige Strasse führt. Die Verhältnisse sind dort sehr einfach; als Erstes kauften wir der Familie einen Kühlschrank. Ich verbrachte Zeit mit den Buben, aber reden konnte ich mit ihnen nicht wirklich, ich spreche nur wenig Thai. Man lacht sich dann an, macht ein paar Laute, gestikuliert mit den Händen.»

Problemlöser und Ernährer

Mittlerweile leben die Kinder seit bald zwei Jahren in der Schweiz, besuchen die Schule und lernen Deutsch. Der jüngere Kittikun lernt die Sprache schnell, während Kittisak langsamer Fortschritte macht und Unterstützung erhält.

Jan möchte die beiden Kinder adoptieren. Er versteht sich als ihr Vater und stört sich an der Bezeichnung «Stiefkinder», weil sie für ihn zweitklassig klingt.

Er nimmt an Elternabenden teil, fährt Kittisak ins Fussballtraining und hilft bei den Hausaufgaben. Seine Rolle als Vater beschreibt Jan so:

«Ich bin da, um Probleme zu lösen, sei es in der Schule oder im Fussballclub. Als sie Kittikun nur trainieren und kaum einen Match spielen liessen, wechselten wir den Club. Das ist eine Vateraufgabe, ein Kind kann so etwas nicht allein.

Ich bin auch jederzeit da, um bei persönlichen Problemen zu helfen. Ausserdem habe ich eine wirtschaftliche Aufgabe. Ich finanziere alles, was sie brauchen, und gewährleiste die materielle Sicherheit. Das fällt mir leicht und ich tue das gern, ich bin ein Macher-Typ.

Und natürlich unterstütze ich Um bei der Erziehung, das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Der Grosse würde zum Beispiel 18 Stunden am Tag gamen, wenn wir ihn liessen. Das tut aber niemandem gut und deshalb begrenzen wir diese Zeit auf drei Stunden am Wochenende. Es funktioniert, weil Um konsequent ist und mich Kittisak als Autorität respektiert.»

Anfängliche Zerrissenheit

Langsam wächst die Familie zusammen. Jan weiss, dass dies Zeit braucht und eine gemeinsame Geschichte dabei hilft. Dass die beiden Buben ihn Papa nennen, freut ihn und ist für ihn Ausdruck ihrer guten Beziehung.

Aus seiner früheren Ehe hat Jan zwei leibliche Kinder, eine zehnjährige Tochter und einen 13-jährigen Sohn. Beide besuchen ihren Vater bei seiner neuen Familie nicht gern. Dass er mit ihnen im gleichen Haus lebt, in dem auch sie mit ihm und ihrer Mutter gewohnt haben, macht die Situation zusätzlich schwierig.

Jan sagt: «Wir hatten eine schwierige Trennung und mit dem Wissen von heute würde ich vieles anders machen. Meine Kinder suchen den Kontakt zu mir, vor allem mein Sohn. Aber meine neue Familie ist ein rotes Tuch für sie.

Eine Weile lang fühlte ich mich sehr zerrissen und versuchte, sie mit Druck und Überreden dazu zu bringen, mit uns allen zusammen etwas zu unternehmen. Doch ich habe eingesehen, dass es nicht funktioniert.

Und wie immer im Leben, wenn man etwas nicht ändern kann, ist es am besten, es zu akzeptieren und loszulassen. Jetzt mache ich mal Ausflüge mit der neuen Familie, dann wieder mit meinen eigenen Kindern. Das ist anstrengender, aber ich respektiere ihren Willen.

Emotional fühle ich mich allen vier Kindern genau gleich verbunden. Aber klar, die eigenen Kinder sind immer noch einen Zacken näher.»

Der 40-jährige Marketingexperte wohnt mit seiner Frau Um (32) und den beiden Stiefkindern Kittikun (8) und Kittisak (15) in einem Einfamilienhaus in Dachsen (ZH) mit Blick auf den Rhein.

Veronica Bonilla Gurzeler, in "wir eltern" Juni 2023
gekürzt von Michèle Pête