Ferien als Balance-Akt

In einer Patchwork-Familie kommen unterschiedliche Reisegewohnheiten zusammen.

Nach dem ersten Mal dachte ich: nie wieder!», sagt Bettina* (43). «Ich auch», grinst Stephan* (47). Vier Jahre sind seit ihren ersten Ferien als Patchworkfamilie vergangen. Damals verbrachte das frisch verliebte Paar eine Woche im Tessin – zusammen mit Bettinas zehn und acht Jahre alten Kindern sowie Stephans sechsjähriger Tochter.

Mit der Bettenaufteilung im Ferienhaus fing der Streit an: Schlafen die Kinder in einem Zimmer, auch wenn sie sich noch nicht gut kennen? (Ja, fanden die Erwachsenen, nein, die Kinder.) Oder nächtigen die Kernfamilien erst mal getrennt? (Ja, fanden die Kinder, nein, die Erwachsenen.)

In Sachen Loyalität kamen alle fünf an ihre Grenzen: Darf ich mit der neuen Frau meines Vaters Spass haben, oder verrate ich damit meine Mutter? Bleibe ich mit den Kindern am See, oder überrede ich sie zu Ausflügen, die mein Liebster sich wünscht? «Am Ende der Ferien war ich völlig fertig», sagt Bettina. Eine Ferienform zu finden, mit der alle Beteiligten glücklich werden, ist für «zusammengestückelte» Familien eine echte Herausforderung. Denn hier kommen nicht selten komplett unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche zusammen. Das fängt bei der Terminsuche an – schliesslich sind mehrere Familien involviert, womöglich gar verschiedene Kantone und Ferienzeiten. Zudem pflegt jede Kernfamilie ihre eigene Ferienkultur.

Stephan erinnert sich: «Als wir das erste Mal zusammen verreisten, boykottierten Bettinas Kinder fast alles.» Denn für Alina* (damals 10) und Ben* (8) waren Ferien gleichbedeutend mit Meer. Doch dem neuen Mann an der Seite ihrer Mutter zog es überhaupt nicht ans Wasser. «Durch das Klettern habe ich sie irgendwann gewonnen», so Bergfan Stephan, «doch das brauchte Zeit.»

Seiner Partnerin wiederum machte es anfänglich zu schaffen, dass ihr Ex-Mann mit den Kindern exotische Ziele ansteuert, während sie aufs Budget achten muss. Alina, heute 14, sagt dazu: «Das war mir bewusst. Deshalb habe ich möglichst wenig von den Ferien mit Papi erzählt.»

Patchworkcoach Eugster meint dazu: «Wie der Ex-Partner die Ferienzeit gestaltet, geht den anderen Elternteil nichts an. Dieser sollte dem Kind signalisieren: Du darfst es schön haben mit Papi oder Mami.»

Auch Stephans Tochter war im Dilemma: Mit der zu Hause gebliebenen Mutter telefonierte sie zunächst täglich – was ihr das Einleben vor Ort schwer machte. Die Lösung? «Gemeinsam eine Abmachung für Anrufe oder SMS finden, damit das Kind die Ferien geniessen kann», rät Eugster. Denn: «Kindern geht es am besten, wenn sie wissen: Ich muss mir um Mami oder Papi keine Sorgen machen.»

Heute verreisen Bettina und Stephan mit ihren Kindern einmal im Jahr – was gut klappt, weil inzwischen alle vom Kletterfieber erfasst sind. Zusätzlich fährt jeder mit seinen Kindern allein weg. Paarzeit die beiden, wenn der Nachwuchs beim jeweils anderen Elternteil weilt. «Die Harmonie haben wir uns hart erarbeitet», sagt Bettina. «Mit viel Reden und brutaler Ehrlichkeit.»

Ria Eugster rät Patchworkpaaren: «Lasst euch Zeit, seid nicht enttäuscht, wenn Ferien nicht auf Anhieb funktionieren.»Wichtig sei, sich locker heranzutasten. «Vor allem am Anfang, wenn man verliebt und grosszügig ist, gelingt das leichter. Gleichzeitig sollten sich Eltern bewusst sein: Das Kind hat sich nicht verliebt – von ihm erwarten wir extrem viel Flexibilität.»

Doch es lohne sich dranzubleiben: «Für Patchworkfamilien sind schöne gemeinsame Erlebnisse sehr wertvoll. Sie helfen, Beziehungen aufzubauen.» MM

*Namen geändert

Text: Kristina Reiss
Foto: Canva