Eine Familie - zwei Erziehungsstile?

Sollten Vater und Mutter immer an einem Strang ziehen?

„Welche Auswirkungen kann es für meine Kinder haben, wenn es zwei verschiedene Erziehungsstile in der Familie gibt? Können Kinder damit umgehen, wie sie es auch bei anderen Erwachsenen tun – zum Beispiel bei den Großeltern oder bei Lehrpersonen?“

Vor gar nicht so langer Zeit wurde von Experten noch empfohlen, dass Eltern sich in Erziehungsfragen immer absolut einig sein sollten. Der Grund: Für viele Eltern wurde der tägliche Umgang mit den Kindern zu einem permanenten Machtkampf, den sie als „vereinte Front“ gewinnen wollten.

Heute sind wir klüger. Wir verstehen, dass es nicht um Machtkämpfe geht, sondern um elterliche Führung. Wenn Kindern die Führung überlassen wird, können sie nicht gedeihen. Aber braucht elterliche Führung zwingend absolute Einigkeit?

Eltern sind unterschiedlich – und das ist gut so

Die Meinung, dass Kinder Eltern brauchen, die sich in allem einig sind, ist veraltet. Es ist eine Tatsache, dass Menschen verschieden sind: Eltern bringen unterschiedliche Lebensgeschichten, Persönlichkeiten und Blickwinkel mit.

Jesper Juul: „Kinder profitieren davon, eine Mutter und einen Vater zu haben, die sich in der Elternrolle wohlfühlen und sich gegenseitig wertschätzen.“

Die einzige Alternative zur Akzeptanz dieser Unterschiede wäre, einen „Chef“ in der Erziehung zu ernennen. Das würde die andere Person zum Assistenten oder Bedienstierten degradieren – eine gleichwertige Partnerschaft wäre so unmöglich.

Wo sich Eltern wirklich einig sein sollten

Kinder können auf wunderbare Weise mit der Verschiedenheit ihrer Eltern umgehen. Sie fühlen sich dadurch weder unsicher noch verwirrt. Worin sich Eltern allerdings einig sein müssen, ist: Es ist völlig in Ordnung, unterschiedlich zu sein.

Jesper Juul: „Kinder können wunderbar mit der Verschiedenheit der Eltern umgehen. Sie werden dadurch weder unsicher noch verwirrt.“

Reflexion statt Schuldgefühle

Wir alle übernehmen automatisch Verhaltensweisen unserer eigenen Eltern – oft auch solche, die wir eigentlich vermeiden wollten. Erwachsene sollten sich deswegen weder gegenseitig beschuldigen noch Schuldgefühle hegen. Entscheidend ist, dieses Verhalten gemeinsam zu reflektieren und Schritt für Schritt zu verändern.

Wenn Unterschiede zu Konflikten werden

Wenn individuelle Unterschiede zu Dauerstreit führen, ist das eine gute Gelegenheit, über die eigene Kindheit nachzudenken und sich darüber auszutauschen.

  • Kein Wettkampf: Bei Gespräch über Erziehungsfragen geht es nicht darum, wer gewinnt oder wer „recht“ hat.

  • Fokus aufs Kind: Das Ziel ist herauszufinden, welche Bedingungen die besten für die Kinder sind.

Der Unterschied zwischen Eigenheiten und Einstellungen

Es ist ein großer Unterschied, ob Eltern verschiedene Eigenheiten haben oder grundlegend gegensätzliche Einstellungen (Werte, Prinzipien, Ideologien) vertreten. Wenn es in Auseinandersetzungen nur noch darum geht, die Meinung des anderen als „falsch“ und die eigene als „richtig“ darzustellen, leidet das Kind unter diesem Klima.

Was Sie konkret tun können

Erziehung ist wie eine bunte Schachtel Süßigkeiten: Sie enthält Stücke unserer eigenen Erziehung, unterschiedliche Theorien, persönliche Werthaltungen und den Wunsch, Dinge mitzugestalten.

Stellen Sie sich im Elterngespräch folgende Fragen:

  • Wofür stehe ich – und warum?

  • Wofür steht mein Partner / meine Partnerin – und warum?

  • Geht es in unseren Diskussionen wirklich um das Wohl des Kindes – oder um etwas anderes?

  • Verhalte ich mich selbst so, wie ich es für richtig halte?

  • Können wir uns darauf einigen, dass wir manches unterschiedlich handhaben?

Das Problem unsicherer Eltern

Kindererziehung ist ein gegenseitiger Lernprozess. Eine gemeinsame Regel nützt nichts, wenn die Kinder darauf dauerhaft unglücklich, frustriert oder traurig reagieren. In diesem Fall müssen Eltern ihre gemeinsamen Ansichten überdenken, bis die Fröhlichkeit des Kindes zurückkehrt.

Ständige Unsicherheit, Starrsinn oder regelmäßige Machtkämpfe der Eltern erzeugen bei Kindern Angst und Schuldgefühle. Wenn Sie merken, dass Sie feststecken, ist das Einholen von professioneller Unterstützung ein gesunder Schritt für das Wohlbefinden der ganzen Familie.

Jesper Juul (1948–2019) war Familientherapeut und Autor zahlreicher internationaler Bestseller zum Thema Erziehung und Familien. Er war Gründer von familylab, einem internationalen Netzwerk für Familienberatung.

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