Auch wenn sich das Bild der TRADITIONELLEN FAMILIE hartnäckig hält, die Realität sieht ganz anders aus: Über 40 Prozent der Ehen werden geschieden. Eine Zunahme von PATCHWORK-FAMILIEN ist eine Folge davon.
Als Verenas Mann innerhalb von knapp drei Monaten an einer unheilbaren Krankheit starb, wusste sie nur eines: «Irgendwie muss es weitergehen mit meiner viereinhalbjährigen Tochter und den eineinhalbjährigen Zwillingen.» Für Trauerarbeit blieb wenig Zeit. Doch sie konnte auf die Unterstützung des Freundeskreises zählen. Ein knappes Jahr später schon spürte sie, dass bei Urs mehr als freundschaftliche Gefühle im Spiel waren.
Verena wehrte sich zuerst gegen eine neue Partnerschaft in dieser frühen Phase. Doch der Wunsch nach Unterstützung und Sicherheit überwog. Urs hatte keine Kinder. Weil Verenas Kinder noch so klein waren, hatten sie keine Mühe, ihn als Vater zu akzeptieren. «Zu Beginn war ich mit der Tatsache konfrontiert, dass etwas Bestehendes schon gestaltet war, doch ich konnte mich glücklicherweise gut anpassen», erinnert sich Urs. Trotzdem entschloss sich das Paar, gemeinsam ein neues Zuhause aufzubauen. Der Neustart an einem anderen Ort war für beide wichtig. «Gemeinsam ein neues Zuhause zu gestalten, das half mir vom Vergangenen Abschied zu nehmen und mich bewusst auf die neue Zusammensetzung der Familie einzulassen.» Ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter Sereina auf die Welt. Emotional fühlt sich Urs allen vier Töchtern gleich nahe. Heute nach zwanzig Jahren Erfahrung als Patchwork-Familie schauen Verena und Urs dankbar zurück: «Bei uns ist der Familienneustart geglückt.»
Anders sieht das im Fall von Monika und Bernhard aus. Monika wurde von ihrem Mann nach zwanzig Ehejahren wegen einer anderen Frau verlassen. «Die Kränkung war so gross, dass ich mir nicht vorstellen konnte, je wieder Vertrauen zu einem Partner fassen zu können», meint sie. Auch die beiden fast erwachsenen Söhne wurden von dieser Entwicklung völlig überrollt. Nach jahrelanger Therapie war Monika wieder in der Lage, Vertrauen aufzubauen und damit eine Partnerschaft einzugehen. Die Söhne schwanken zwischen Akzeptanz und Ablehnung dem neuen Partner gegenüber. «Offensichtlich wird die Problematik dann, wenn ein Familienanlass stattfindet und der leibliche Vater eben nicht dabei ist», meint der jüngere Sohn.
In einer neuen Partnerschaft bringen beide einen persönlichen Rucksack an schmerzlichen und glücklichen Erfahrungen mit sich. Soll die eigene Geschichte mit dem neuen Partner thematisiert, oder soll sie möglichst vergessen werden? «Vergessen ist nicht wünschenswert, wohl aber abschliessen», meint Heidi Oetiker-Bänninger.
Neue Familienformen haben nach Ansicht von Pädagogen und Psychologen durchaus auch Vorteile. Kinder aus Fortsetzungs-Familien » bringen oft ein höheres Mass an sozialer Kompetenz mit sich, weil sie schon früh bei ihren Stiefeltern erlebt haben, wie diese Kompromisse eingehen mussten und Toleranz für das Gelingen der neuen Familienform unabdingbar war.