Stieffamilien

Brückenbauer - No 40, 1996. Der Paar- und Familienberater Max Peter rät Stieffamilien, nach ihren eigenen Gesetzmässigkeiten zu leben.


Woran denken Sie beim Wort "Stiefmutter"? Kommen Ihnen dazu auch Märchen in den Sinn? Kinder wurden da nach dem Tod ihrer Mutter und der Wiederverheiratung des Vaters von einer Stiefmutter betreut. Meistens soll diese den Kindern nicht besonders gut gesinnt gewesen sein, sondern sie hinter dem Rücken ihres ahnungslosen Vaters gar fürchterlich geplagt haben.

Heute entstehen Stieffamilien öfter nach einer Scheidung. Und Stiefväter sind zudem weitaus häufiger anzutreffen als Stiefmütter. Geplagt sind Erwachsene und Kinder oft gleichermassen. Das müsste nicht sein.

Normalfamilie als Ideal

Das Wunschbild einer heilen Familiengemeinschaft ist tief in uns verwurzelt. Es wird mitgeprägt durch das gesellschaftlich hochgehaltene Ideal der "intakten Familie" und das gleichzeitige Verleugnen der Scheidung. Von der Scheidung Betroffene sehen sich als Versager, die dem Mythos "Normalfamilie" nicht zu genügen vermochten.

Männer und Frauen streben nach einer durchgestandenen Scheidung danach, mit den Kindern wieder in einer vollständigen, "normalen" Familie zu leben. Wie oft haben sie sich bisher eingeredet oder einreden lassen, ihre Erziehungsprobleme seien halt doch auch eine Folge der Scheidung. Lange genug sahen sie sich als Geschiedene etikettiert, als Alleinerziehende, als Mitglieder einer unvollständigen Familie oder als Einelternfamilie und fühlten sich dabei sozusagen als "Defizitmodell" eine r Familie!

Zwischen den Fronten

Mütter und Väter stellen an sich und ihre neuen Partner oftmals hohe Ansprüche. Ihre Familiengemeinschaft muss möglichst rasch einwandfrei funktionieren, und alle sollen in ihr uneingeschränkt glücklich sein können. Stiefväter setzen sich das Ziel, die "besseren Väter" zu werden und geraten darob in Konkurrenz zum leiblichen Vater. Oder sie nehmen sich vor, den Kindern eingeschliffene Verhaltensweisen abzugewöhnen und aus ihnen "anständige Menschen" zu machen. Die Partnerin unterstützen sie nach Kräften in der Erziehung. Abhandengekommene Autorität soll damit wiederhergestellt werden.

Es sind durchaus gut gemeinte Anstrengungen, getragen vom langgehegten Wunsch nach normaler Familie und gesellschaftlicher Anerkennung. Nur: jeder einzelne dieser Gemeinschaft bringt sein Stück Geschichte mit ein. Da bestehen etwa gewachsene Beziehungen der Kinder zu ihrem auswärts lebenden Elternteil. Er hat ihr bisheriges Leben entscheidend mitgeprägt und wird es weiterhin mitgestalten.

Kinder reagieren empfindlich auf das Übersehen solcher Tatsachen und wehren sich vehement gegen das Einmischen Aussenstehender. Du hast mir nichts zu sagen, Du bist gar nicht mein Vater! tönt es etwa. Oder: Warte nur, ich sage es beim nächsten Besuch der Mutter!.

Es nützt alles nichts: das krampfhafte Bestreben, sich an den Normen anderer Lebensgemeinschaften zu orientieren, ist zum Scheitern verurteilt. Jedes Bemühen, über die Besonderheiten einer Stieffamilie hinwegzusehen, schlägt früher oder später fehl.

Eigene Identität entwickeln

Stieffamilien sollen vielmehr gegen innen und aussen nach ihren eigenen Gesetzmässigkeiten leben dürfen, befreit vom Zwang, gleich zu sein wie andere. Ihre Mitglieder sollen eine eigene Identität entwickeln und bewahren können und sich in ihrer Unterschiedlichkeit respektiert fühlen.

Offenheit und Toleranz sind hilfreiche Eigenschaften zum Überwinden von Stolpersteinen (auch) in Stieffamilien. Und es ist beispielsweise gut zu wissen, dass Kinder ohne weiteres mehrere Elternfiguren gleichermassen akzeptieren können, wenn sie ihre Zuneigung zu keiner Zeit verstecken oder gar verleugnen müssen.

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