Familie im Wandel


Das Ideal des in Liebe und Zuneigung verbundenen Paares mit Kindern ist erst seit 250 Jahren populär. Es löste die Familie als Zweck- und Notgemeinschaft ab, nachdem eine wachsende Zahl von Unternehmern, Handwerkern und Händlern zu Wohlstand gekommen war.

Anders als die Landbevölkerung konnte das junge städtische Bürgertum im späten 18. Jahrhundert auf die Arbeitskraft von Frauen und Kindern verzichten.

Die gewonnene Zeit wandten die Frauen für die Pflege des Familienlebens und die Erziehung des Nachwuchses auf.

In Familien vorindustrieller Epochen hatten emotionale Bindungen kaum eine Rolle gespielt. Das Verhältnis zum Ehepartner, zu den Eltern, Schwiegereltern, Kindern und Verwandten war eher von den ökonomischen Zwängen und Interessen der Lebensgemeinschaft bestimmt.

In den Bauern- und Handwerkerfamilien mussten Kinder so früh wie möglich mitarbeiten, um das Überleben der Familie zu sichern. Auch die Vorstellungen davon, wer zur Familie gehörte, unterschied sich von der des Bürgertums: Ländliche Familien zählten alle im Haushalt lebenden Menschen zu ihren Mitgliedern – entfernte, auf dem Hof lebende Verwandte ebenso wie Mägde und Knechte.

Die Tradition, die ganze Hausgemeinschaft als Familie anzusehen, entstand bereits in der Antike. Schon die römische familia schloss Sklaven mit ein. Allerdings hatte diese familia wenig gemein mit dem heutigen Familienbild. Sie wurde vielmehr als Besitz des Oberhauptes, des pater familias betrachtet, der vollkommene Gewalt über sie ausüben konnte – bis hin zum Verkauf von Kindern. Ähnlich wie die griechische Familie sollte die römische vor allem dazu dienen, ihre Mitgliede in das Staatswesen einzugliedern. Weshalb der oikos - der griechische Haushalt – als Baustein der Gesellschaft verstanden wurde.

Welche Bedeutung der Familie in früheren Zeitaltern zukam, bleibt mangels verlässlicher Quellen weitgehend im Dunkeln. Alte indogermanische Sprachen, deren Ursprung sich auf das 5. bis 4. Jahrtausend v. Chr. Datieren lässt, enthalten aber schon Worte wie „Vater“, „Bruder“ und „Schwester“. Obwohl Belege schwer zu finden sind, gehen einige Anthropologen davon aus, dass sich bereits bei Jägern und Sammlern innerhalb der Gruppenverbände Kernfamilien mit polygamen Bindungen und Stammfamilien (Eltern, deren Kind und Partner samt eigener Kinder) organisiert haben.

Die ersten „Kleinfamilien“ mit eigenem Haushalt entstanden in der Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert innerhalb enger Clans, Sippen oder Verwandtschaften. Ein starker Bevölkerungsanstieg hatte zur Folge, dass unter einem Dach oft nicht genug Platz für alle Angehörigen war. Die häusliche Gemeinschaft zerfiel – die ersten Paare und Alleinstehenden zogen in eigene Behausungen. Ab 1250 besteuerten die Landesherren deshalb nicht mehr Haus und Hof, sondern die Feuerstellen der Einzelfamilien. Das Ehepaar und sein Haushalt wurden zum Bezugspunkt der Familie.

Jens Uehlecke

Aus dem GEO 03/2005

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